30.04.2025

Dankesrede von Nicola Quaß zum Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2025


Liebe Jury, liebe Freunde der Lyrik, liebes Publikum,


ich danke den Veranstaltern und der Jury ganz herzlich für ihre Entscheidung, mich dieses Jahr als Preisträgerin des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises ausgewählt zu haben. Der Preis, der in Gedenken an den unter tragischen Umständen ums Leben gekommenen Dichter Rolf Bossert geschaffen wurde, ist für mich eine große Ehre. Ich begegne dieser Auszeichnung mit Demut und Dankbarkeit.


Mit Rolf Bosserts Lyrik kam ich zum ersten Mal vor einigen Jahren in Kontakt, als ich im Internet zufällig auf ein Gedicht stieß, das mich sofort elektrisiert hat und das ich hier gerne zitieren möchte:



Gewitter

Von dort schlägt

steil runter

die blaue Axt,

im Trommelfell

bellt auch mir

galaktisches Backblech.

Klammer dich, Kind,

ans verklebte Bonbon:

Ich schreibe ich weine

mit. Weiter, weit.


Rolf Bossert: Gewitter, in: Ich steh auf den Treppen des Windes, Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2006



Wer solche Gedichte schreiben kann, dachte ich, der muss von einer inneren Zerrissenheit geprägt sein, der muss sich durch seine Sprache ein Ventil geschaffen haben, um nicht an ihr zu zerbrechen. Es ist ganz offensichtlich, dass diese Zerrissenheit von den äußeren Begebenheiten im damaligen kommunistischen Rumänien geprägt war: von der Zensur entmündigt, vom rumänischen Geheimdienst Securitate überwacht, schließlich mit einem Berufsverbot belegt. Wen wundert es, dass ein Mensch an diesen Bedingungen zerbricht? Der Blitz, der zur blauen Axt wird, die „steil runter schlägt“, wie es in dem Gedicht „Gewitter“ heißt, ist ein Bild von großer Zerstörungskraft und blitzartiger Präzision. Zugleich öffnet die Verbindung von Mikro- und Makrokosmos – wie etwa die vom Bonbon zur Galaxis – Deutungsräume für existenzielle Themen wie Angst, Bedrohung, Entwurzelung. Themen also, die auch in meiner Lyrik eine große Rolle spielen.


Habe ich hier einen lyrischen Seelenverwandten gefunden? Ja, ich meine: Ja. Denn als ich mich in Vorbereitung auf diesen Preis, der mir heute zum Gedenken an Rolf Bossert verliehen wird, auf die weitere Suche nach diesem außergewöhnlichen Dichter begab, stieß ich insbesondere in seinem posthum erschienenen Gedichtband „Ich steh auf den Treppen des Windes“ auf immer neue Diamanten.



Manchmal schrumpft die Kindheit

zum Schrei, scharf

über Rotziegeldächer geknickt.

Tiere hängen und Augen im blau-

schwarzen Loch, wo

ein Himmel stand.


Rolf Bossert: Ich steh auf den Treppen des Windes, Schöffling & Co. Frankfurt a.M. 2006



Herta Müller sagte einmal über seine Gedichte: „In Bosserts Gedichten stehen die Bilder erst richtig, wenn sie umgestoßen sind. Er fährt durch die Ordnung der Sprache, bis die Scherben funkeln. In diesem Funkeln sitzen Angst und Lust beisammen.“ Ich kann dem nur beipflichten und würde ergänzen: Mit knappen, pointierten Worten und einer kühnen Sprache erschafft Bossert Bilder, die an unsere Existenz rütteln und uns mit unbequemen Fragen zurücklassen. Dennoch sind es keinesfalls traurige Gedichte. Sie kommen vielmehr oft ironisch, manchmal sogar heiter daher. Ich habe den Eindruck, dass in dieser Ambivalenz der große Abgrund droht. Wer mit heiterer Sprache den Abgrund beschreiben kann, hat ihn bereits

erlebt.


Rufen wir uns sein kurzes, aber intensives Leben in Erinnerung: Rolf Bossert wurde am 16. Dezember 1952 in Reșița, in der Volksrepublik Rumänien, geboren. Er studierte Germanistik und Anglistik in Bukarest, debütierte 1971 mit Gedichten in der Neuen Literatur und veröffentlichte 1979 seinen ersten Gedichtband „siebensachen“. Für diesen erhielt er den Lyrikpreis des Verbandes der Kommunistischen Jugend Rumäniens – eine Ironie, denn Bossert distanzierte sich zunehmend vom Regime. Als Mitbegründer der „Aktionsgruppe Banat“ forderte er einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie ihn der Prager Frühling erträumt hatte. Seine Gedichte wurden zum Sprachrohr der konkreten Poesie, die sich gegen staatliche Doktrin auflehnte.


Doch der Preis für diese Haltung war hoch: 1984 verlor Bossert nach seinem Ausreiseantrag seine Stelle als Lektor, wurde von der Securitate verhört und nach einer Lesung brutal zusammengeschlagen – mit zweifach gebrochenem Kiefer, der ihn monatelang verstummen ließ. Im August 1985 durfte er endlich mit seiner Familie nach Deutschland ausreisen. Doch nur zwei Monate später, am 17. Februar 1986, fand man ihn in einem Frankfurter Aussiedlerheim leblos unter seinem geöffneten Fenster. Die Umstände seines Todes bleiben ungeklärt.


Wenn ich nun eine Brücke zwischen Rolf Bosserts Lyrik und meiner schlagen möchte, dann ist es zunächst das Gefühl der Unbehaustheit: das Dabeisein, ohne dazuzugehören; das Fremdsein in den eigenen Wänden. Allerdings sind unsere Ausgangspunkte grundverschieden, auf die ich im Folgenden kurz eingehen möchte.


Als gemeinsamen Nenner unserer Poetik wäre da zunächst einmal die Melancholie zu nennen, die als Grundstimmung in den meisten Gedichten vorherrscht, jedoch mit unterschiedlichen Akzentuierungen. Während ich mit meinen Gedichten eine stille, nachdenkliche Atmosphäre schaffen möchte, die Raum für Hoffnung oder Selbsterkenntnis lässt, wechselt Rolf Bosserts Poetik zwischen einem satirisch-provokativen und zärtlich- melancholischen Tonfall. Besonders in seinen späten Werken wird der Ton düsterer und verzweifelter und teils von einem „elegischen Zorn“ begleitet - als Reflex auf persönliche und politische Tragödien. Dieses Schwanken zwischen rebellischer Schärfe und verletzlicher Wehmut macht Bosserts Tonalität so komplex und mehrschichtig. Seine Wortwahl oszilliert zwischen Alltagsnähe und surrealer Kühnheit. Auffällig ist seine Neigung, auf den ersten Blick banale Wörter und Motive zu verwenden, um dann im Kontext eine tiefere, existenzielle Bedeutung aufscheinen zu lassen. Dieses Zusammenprallen von Alltagssprache und poetischer Metaphorik ist charakteristisch für ihn. Er bettet traditionelle „schöne“ Bilder in ungewohnte Zusammenhänge ein, oft indem er Körperliches oder Derbes in sie mischt. So finden sich in seinen Gedichten drastische Metaphern wie „die schwarzen Hoden der Nacht“ oder „Palmen im Kopf, geballte Fäuste im Unterleib“, die bewusst die Ästhetik des Schönen durchbrechen; er „zerstört“ das idyllische Bild und schafft einen grotesken, spannungsgeladenen Ausdruck.


Der rosige Windstoß bricht lachend herein.

ist so ein Bild, in dem scheinbar Banales mit aller Wucht in den Text einbricht, oder:

& wacker fall ich dem

lüsternen grauen Netz

durch die Augen – Irgendwo

schlägt das lila Herz – Der Aufprall


Anders als Bossert wähle ich leisere Worte, setze auf Schlichtheit, Kontemplation für die Leerstellen dazwischen. Ironie, Schärfe, Widerstand - sie kommen in meiner Lyrik so gut wie nicht vor. Dennoch glaube ich, dass sich trotz dieser Unterschiede um unsere Lyrik eine große Klammer ziehen lässt: Sie besteht in der Erfahrung des Verlorenseins, der Entfremdung, des Nicht-Verwurzeltseins in der Welt.


Sie stellt die Fragen nach dem Weitergehen im Dunkeln.


Meine Kindheit verbrachte ich in Westdeutschland während der 80er Jahre, in einem Land, in dem jeder seine Meinung sagen konnte, in dem es den meisten Menschen gut ging – Armut eine Randerscheinung. Freiheit, ein selbstverständliches, verfassungsrechtlich verbrieftes Privileg. Ich habe nie staatliche Repressalien erfahren. Ich brauchte kein Berufsverbot zu fürchten, meine Zukunft war offen und voller Verheißungen. Und doch war für mich Freiheit nichts Selbstverständliches, waren für mich Worte Sprachmittel, denen ich nie ganz trauen wollte; strebte ich doch schon früh danach, mir meine eigene Sprache zu schaffen, mit der ich über das Gesagte hinausgehen kann. Es hatte mit persönlichen Umständen zu tun inmitten einer engen, dörflichen Welt. Es hatte aber auch mit der Grenze zu tun, die rund 90 Kilometer von meinem Wohnort entfernt lag und die immer mal wieder in Gesprächen bei uns zu Hause auftauchte.


Ich wuchs in einer geteilten Ost-West-Familie auf. Meine Mutter kam aus Westdeutschland, mein Vater flüchtete aus der DDR. Der väterliche Teil meiner Verwandten blieb fast vollständig auf der anderen Seite der Grenze, während mein Vater sich dazu entschloss, dem Land auf immer den Rücken zu kehren, um sich seine berufliche Zukunft nicht von einem totalitären Staat vorschreiben zu lassen. Besuche bei den Ostverwandten fanden nur spärlich statt, Telefongespräche wurden überwacht. Und so bekam ich als West-Kind eine ungefähre Vorstellung davon, wie es sein musste, wenn Freiheit, Individualität und Selbstbestimmung nicht selbstverständlich sind und von Bedingungen wie Regimetreue und Mitläufertum abhängig gemacht werden. Ich spürte: Freiheit ist zerbrechlich. Sie muss erkämpft werden – selbst im Privaten. So, wie für mich die lyrische Sprache ein Mittel

ist, das Ungesagte in die Worte zu holen, mir mithilfe einer Art Metasprache meine persönlichen Freiräume zu erkämpfen, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass auch für Rolf Bossert seine Lyrik wie kleine Schlupflöcher waren aus dem engen Korsett staatlicher Überwachung. Gerade dort, wo keine Meinungsfreiheit herrscht, erhält jedes Wort sein besonderes Gewicht, und das ist in seiner Lyrik in besonderem Maße der Fall. Und so sehe ich in Rolf Bossert einen scharfsinnigen Beobachter, dessen Sprache radikal, oft sarkastisch ist, aber stets mit einer großen Sprachfinesse brilliert.


Heute, im Jahr 2025, in einer Zeit, in der autoritäre Systeme wieder erstarken, erleben wir eine Welt, in der Freiheit, individuelle Selbstbestimmung und das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit wieder auf dem Spiel stehen. Gerade weil sie durch die aktuellen weltpolitischen Ereignisse in ihren Grundfesten bedroht sind, ist Rolf Bosserts Lyrik aktueller denn je. Hier spricht einer, der staatliche Überwachung, Zensur und Gängelung selbst miterlebt hat. Wir können viel von ihm lernen.


Lassen Sie mich deshalb mit seinem Gedicht „meinen weg“ schließen:


meinen weg

begehe ich täglich

still wie einen mord

in der stadt liegt ein

großer rechter winkel

nehme ich ihm die spitze

so lerne ich kennen

mehrere kleine gassen

über kurz oder lang

stehe ich auf der hauptstraße

ein kleiner killer nur

des gewaltigen alltags


Herzlichen Dank für diese Auszeichnung und einen herzlichen Dank an Christian T. Klein für die Laudatio.


veröffentlicht in BAWÜLON (1/2025)

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