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Zeit in der Literatur – von Virginia Woolf über Iris Wolff bis Raphaela Edelbauer, von rückwärts erzählten Geschichten und dem Blockuniversum der Erinnerung
Von Nicola Quaß
01.09.2026
Der Wunsch, die Zeit anzuhalten
Dieser Abend sollte nie zu Ende gehen. Wir hockten auf einer Klippe, den Blick dem Ionischen Meer zugewandt, die Rucksäcke wie Kissen im Rücken. Die Bläue des Himmels ging nahtlos in die Bläue des Wassers über: ein hauchtiefes Tuch aus zwei einander verwandten Elementen. Es war Frühling, doch für uns fühlte es sich wie Sommer an, so, wie es ihn bei uns zu Hause zu dieser Zeit noch nicht gab. Ein sanfter Westwind wehte milde Salzluft heran und hüllte uns in eine unsichtbare Decke.
Plötzlich war da der Wunsch, dieser Tag möge nie zu Ende gehen. Die Zeit anhalten, sie zu einem Päckchen zusammenschnüren, aus dem man sich nach Belieben bedienen könnte. Wer hatte nicht schon einmal darüber fantasiert, die Zeit zu kontrollieren? Sie anzuhalten, zu überspringen, rückwärts zu drehen oder zu einem gigantischen Ballon aufzublähen.
„Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es. Wenn ich es einem Fragenden dann erklären will, weiß ich es nicht“, schrieb Augustinus in seinen Bekenntnissen. Seit Einstein wissen wir, dass Zeit nicht absolut ist: Uhren gehen abhängig von Bewegung und Gravitation unterschiedlich, und auch die Gleichzeitigkeit räumlich voneinander entfernter Ereignisse ist relativ. Die scharfe Trennung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat damit zumindest ihre physikalische Selbstverständlichkeit verloren.
An jenem Abend hatten sich immer mehr Menschen um uns versammelt. Sie waren gekommen, um dem gigantischen Naturschauspiel beizuwohnen, das sich jeden Tag aufs Neue zwischen den Klippen ereignete. Schon bald neigte sich die Sonne der Erde zu. Wie ein fiebriger Feuerball stand sie zwischen zwei Gesteinsvorsprüngen und schob ihre hauchdünnen Fühler ins Firmament, bevor sie zischend im Meer verschwand.
Was uns in der Wirklichkeit versagt bleibt, erlaubt die Literatur: Sie kann Zeit anhalten, dehnen, raffen, überspringen und scheinbar sogar umkehren.
Wie Literatur mit Zeit erzählt
Zeit gehört zu den wirkmächtigsten Gestaltungsmitteln der Literatur. Das Verhältnis zwischen Erzählzeit – der Zeit, die das Erzählen oder Lesen beansprucht – und erzählter Zeit – dem Zeitraum des erzählten Geschehens – bestimmt wesentlich das Tempo einer Geschichte. Eine Erzählung kann chronologisch, rückblickend oder episodisch angelegt sein; sie kann Sprünge machen oder ihre Kapitel sogar in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge anordnen.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist der Roman Lichtungen von Iris Wolff. Er erzählt von Lev und Kato, zwei Menschen, die im kommunistischen Rumänien aufwachsen. Die Geschichte setzt bei ihrer Wiederbegegnung in Zürich ein, wo Kato als Straßenkünstlerin arbeitet. Eine Postkarte mit der Frage „Wann kommst du?“ hat Lev dorthin gerufen.
Was zunächst wie die Geschichte eines Wiedersehens erscheint, entwickelt sich zu einer rückwärts gerichteten Suche nach dem Ursprung ihrer Freundschaft, die von tiefer Verbundenheit und einer gemeinsamen Herkunft geprägt ist. Mit jedem Kapitel reisen wir schrittweise weiter in die Vergangenheit. Anstatt zu fragen: Wie geht es weiter?, dreht der Roman die Frage um: Wie ist diese Freundschaft entstanden? Welche inneren und äußeren Umstände haben zu ihr geführt?
Was mich neben der poetischen, sehr sinnlichen Sprache an diesem Roman so beeindruckt hat, ist die Art, wie er Zeit einsetzt: als etwas, das erst in der Rückschau erklärbar wird und dadurch ein umgekehrtes Spannungsmoment erzeugt. Vom Ende her erscheint manches zwingend oder gar schicksalhaft, was im Augenblick seines Geschehens noch offen, zufällig und unsicher war.
Ein Tag, mehrere Leben: Mrs Dalloway
Auch im Werk Virginia Woolfs spielt die Zeit eine zentrale Rolle. In Mrs Dalloway entfaltet sich die äußere Handlung innerhalb eines einzigen Tages. Im Mittelpunkt steht die 52-jährige Clarissa Dalloway, die Frau eines konservativen Politikers, die für den Abend eine Gesellschaft vorbereitet.
Der schmale Handlungsfaden entfaltet sich durch Wahrnehmungen, Erinnerungen und Reflexionen. Dabei werden nicht nur Clarissas Gedanken „laut“, sondern auch die der anderen Figuren. Es entsteht eine Gedankenlandschaft, in der die Perspektive in raschen, kaum merklichen Übergängen von einem Bewusstsein zum nächsten gleitet. Erzählerisch geschieht dies vor allem in Form der erlebten Rede, ergänzt durch inneren Monolog und Rückblenden.
Diese Verfahren weiten den einen Tag zu einer elastischen Zeitstruktur. Während die äußere Handlung nur wenige Stunden umfasst, kann sich die innere Zeit über Jahrzehnte erstrecken. Vergangenes tritt in die Gegenwart ein, Erinnerungen öffnen Seitenwege, und ein einziger Augenblick vermag ein ganzes Leben in sich aufzunehmen.
Jahrhunderte in einem Leben: Orlando
Ein nahezu entgegengesetztes Verfahren wählt Virginia Woolf in ihrer 1928 erschienenen fiktionalen Biografie Orlando. Das Buch erzählt das Leben des adligen Orlando, der über mehrere Jahrhunderte hinweg lebt und im Verlauf der Handlung sein Geschlecht wechselt.
Woolf dehnt die Lebenszeit ihrer Figur ins Fantastische und rafft zugleich die erzählte Zeit, indem sie Jahrzehnte und ganze Epochen auf wenigen Seiten vergehen lässt. Sie bedient sich Ellipsen, historischer Montagen und abrupter Zeitsprünge. Der Geschlechtswechsel thematisiert nicht nur die starren Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse – Orlando erfährt deren Folgen nun als Frau –, sondern begleitet zugleich einen historischen Epochenwechsel: Als Orlando nach England zurückkehrt, tritt der Roman ins 18. Jahrhundert ein.
So spannt sich die erzählte Zeit über mehr als drei Jahrhunderte, während Orlando selbst kaum zu altern scheint. Die Figuren erzeugen diese Zeit nicht; sie bewegen sich innerhalb der vom Roman gesetzten Chronologie, erleben deren Verlauf aber unterschiedlich schnell und intensiv.
Auch in Iris Wolffs Lichtungen handelt es sich nicht um eine physikalisch unmögliche Umkehrung des Zeitpfeils gegen die Entropie. Die Ereignisse selbst laufen nicht rückwärts; lediglich die Kapitel sind in umgekehrter chronologischer Reihenfolge angeordnet. Die Zeit wird nicht zurückgedreht, sondern ausgehend von ihrem Ergebnis neu betrachtet. Das Ende ist der Ausgangspunkt der Lektüre, nicht der Ausgangspunkt der Ereignisse.
Das schwarze Loch der Erinnerung
Besonders eindrucksvoll ist der literarische Umgang mit Zeit in Raphaela Edelbauers Roman Das flüssige Land. Die Protagonistin Ruth Schwarz ist theoretische Physikerin und forscht über Zeit. Nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer Eltern reist sie in den fiktiven Ort Groß-Einland, in dem diese aufgewachsen sind und ihrem Wunsch entsprechend bestattet werden sollen.
Bereits die Reise dorthin gestaltet sich schwierig: Auf Landkarten und in offiziellen Registern ist der Ort nicht verzeichnet. Manche Menschen kennen ihn nicht, andere scheinen durchaus von ihm zu wissen. Als Leserin gerät man in einen immer stärkeren Strudel, in dem sich die Zeiten überlagern und jedes verlässliche Zeitgefühl verloren geht. Jahre können wie Monate vergehen; Vergangenheit und Gegenwart scheinen nebeneinander zu existieren.
Schließlich erreicht Ruth Groß-Einland. Unter dem Ort befindet sich ein gigantischer Hohlraum, ein geologischer Abgrund, der zugleich ein zeitlicher ist: ein schwarzes Loch der Erinnerung, in dem die verdrängte NS-Vergangenheit sedimentiert wurde.
Die Blockuniversum-Theorie, mit der Ruth sich wissenschaftlich beschäftigt, wird dabei zur poetischen und politischen Denkfigur. Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Sie besteht im Untergrund der Gegenwart fort und droht, diese zum Einsturz zu bringen.
Während Woolf die Zeit dehnt und Iris Wolff die zeitliche Ordnung umkehrt, zeigt Edelbauer, wie Zeit selbst instabil werden kann, wenn die verdrängte Vergangenheit den Boden der Gegenwart buchstäblich unterhöhlt. Zeit wird hier nicht nur erlebt oder erzählt, sondern deformiert. Damit wird sie zu einem Medium, das nicht nur Bewusstsein und Erinnerung strukturiert, sondern auch das sichtbar macht, was eine Gesellschaft mit allen Mitteln aus ihrem Gedächtnis zu tilgen versucht.
Das Blockuniversum der Literatur
Insofern vermag Literatur etwas Einzigartiges: Sie erschafft ihr eigenes Blockuniversum, in dem alle Zeitpunkte gleichermaßen existieren; allerdings unter ihren eigenen poetischen Bedingungen.
Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul—ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden.