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weibliche Hand mit Stift auf einem Notizblock

©Hannah Olinger@Unsplash        


Literarischer Blog 

Cover des Romans HUNGERGESANG von Nicola Quaß: Eine stilisierte Frauenfigur mit geschlossenen Augen und rot geschminkten Lippen öffnet den Mund, um eine weiße Feder zu empfangen. Weitere Federn treiben vor einem dunkelgrünen, wasserähnlichen Hintergrund. Das Motiv symbolisiert Verlangen, Hingabe und Sprachlosigkeit. Erschienen bei KUL-JA! Publishing.

Über die Zerbrechlichkeit der Identität und die Macht des geschriebenen Wortes

01.04.2026

„Aber, werden Sie sagen, wir haben Sie gebeten, über Frauen und Literatur zu sprechen – was hat das mit einem Zimmer zu tun, das man für sich allein hat? Ich werde versuchen, es zu erklären“ - Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein



Will man heute über weibliche Stimmen in der Literatur sprechen, dann muss man zunächst über ihre Abwesenheit sprechen. Über Jahrhunderte hinweg wurde der Kanon der Weltliteratur von Männern gebildet. Selbst Bücher mit weiblichen Protagonistinnen waren aus einem männlichen Erfahrungshorizont heraus geschrieben und gaben die weibliche Perspektive oft nur verzerrt oder gefiltert wieder. Meistens waren die Protagonisten jedoch Männer. Sie waren Helden, duellierten sich mit anderen Männern, philosophierten mit ihnen über das Leben. Frauen wurden reduziert zu dem, was sie zu dieser Zeit in der Gesellschaft waren: Beiwerk, Muse, Objekt männlicher Begierde. Ihre Rollen: unbedeutend, funktional. Das Problem dieser Geschichte ist weniger ihre Wahrheit als ihre Gewöhnlichkeit.




Verwunschener Friedhof mit alten Grabsteinen. Licht und Schatten

©Alla Kemelmakher@Unsplash        

01.03.2026

Manchmal verfolgt mich ein Buch bis in den Schlaf. So erging es mir, als ich Die Zwillinge von Highgate las. Nachts wachte ich unruhig auf und dachte an die beiden Protagonistinnen, fragte mich, was sie als Nächstes tun würden, wie sie sich aus ihrem immer enger werdenden Dilemma befreien könnten. Noch mehr als die Frage nach dem Fortgang der Handlung beunruhigte mich die Vorstellung, sie könnten plötzlich verschwunden sein – ausgelöscht, verwandelt, entglitten. Also griff ich immer wieder zu dem dicken Schmöker, um mich zu vergewissern, dass es sie noch gab.


Blick durch ein Fenstergitter. Draußen: winterliches Gestrüpp

© Riva Ferdian@Unsplash 

Über die Macht der Erzählperspektive und zeitgenössische Literatur am Beispiel von Tove Ditlevsen und Imre Kertesz

02.02.2026

Ich las dieses Buch im Jahr 2021. Es war das erste aus der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen mit dem Titel „Kindheit“, und schon der erste Satz zog mich in seinen Bann. 


„Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten, schwarzen Haar meiner Mutter ...“ 


Es gibt verschiedene Möglichkeiten, über Kindheit zu schreiben. Eine ist, sich retrospektiv an sie zu erinnern, eine andere über sie zu schreiben, als gehe es um jemand anderes. Man kann aber auch das Kind sprechen lassen, als erlebte es die Handlung selbst.


Blick auf einen mit Reif bedeckten Strauch. Diffuser, sonniger Hintergrund

© Raimond Klavins@Unsplash 


Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – von Romananfängen und ersten Sätzen

Von Kazuo Ishiguro bis Milan Kundera - Meisterhafte Romananfänge, die sofort gefangen nehmen

01.01.2026

Mit diesem Beitrag eröffne ich meinen literarischen Blog, in dem ich künftig regelmäßig über Lektüren, Schreibprozesse und ästhetische Fragen nachdenken möchte. Er soll meine eigene Arbeit begleiten, vertiefen und zugleich Einblicke in die Themen geben, die mich als Autorin bewegen.

Es ist Januar. Ein neues Jahr hat begonnen. Die Luft ist schneidig und kalt, in der Ferne verhallen noch vereinzelte Silvesterböller. Auf den Straßen liegen die Reste der vergangenen Nacht: leere Sektflaschen, fehlgezündete Raketen, Luftschlangen, Konfetti. Später werden die Reinigungsfahrzeuge kommen und die Überbleibsel wegspülen. Dann gleicht das neue Jahr zunächst wieder dem alten – auch wenn sich bald Ereignisse einstellen werden, die es neu und anders machen.

Die Tage zwischen den Jahren sind eine gute Zeit, sich der Lektüre zuzuwenden: Bücher, die einen einst verzaubert haben, wieder aus dem Regal zu nehmen, noch einmal ihre Sätze zu atmen und in eine andere Welt einzutauchen. 


„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ 


Dieses Zitat aus Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ kommt mir oft in den Sinn, wenn ich ein Buch aufschlage und den ersten Satz lese.


Ein Romananfang ist ein Versprechen. Er eröffnet nicht nur eine Geschichte, sondern auch einen Ton, eine Haltung, eine Welt. Oder, um es mit Platon zu sagen: „Der Anfang ist der wichtigste Teil der Arbeit.“ Ein gelungener erster Satz zieht mich unmittelbar hinein – durch eine dichte, sinnliche Sprache, eine ungewöhnliche Perspektive, ein atmosphärisches Bild, einen gedanklichen Impuls oder eine Figur, mit der ich mich verbinden kann.

Im Folgenden stelle ich einige Romananfänge vor, die mich auf ganz unterschiedliche Weise berührt und in ihren Bann gezogen haben – Sätze, die die Tür zu einer Welt aufstoßen und mich schon beim ersten Lesen nicht mehr losließen:


„Als wir neu waren, standen Rosa und ich in der Ladenmitte, wo auch die Zeitschriften auslagen, und hatten den größeren Teil des Schaufensters im Blick. So konnten wir die Außenwelt sehen – die vorbeihastenden Büroarbeiter, die Taxis, die Läufer, die Touristen, Bettelmann und seinen Hund, den unteren Teil des RPO-Gebäudes. Als wir uns schon ein bisschen eingelebt hatten, erlaubte uns Managerin, nach vorne zu gehen, direkt ins Schaufenster, und da erst sahen wir, wie hoch das RPO-Gebäude war. Und wenn wir zum richtigen Zeitpunkt da waren, sahen wir die Sonne auf ihrem Weg von den Dächern auf unserer Seite zum RPO-Gebäude hinüberwechseln.

(Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne)


Abends war es ein wenig besser. Sie konnte es vorsichtig glätten und betrachten, in der Hoffnung, irgendwann doch einen Überblick darüber zu gewinnen, als wäre es ein unfertiger, vielfarbiger Gobelin, dessen Muster eines Tages zu erahnen war. Die Stimmen kehrten zu ihr zurück und ließen sich mit etwas Geduld voneinander trennen. Wie die Fäden eines verhedderten Wollknäuels. […]“

(Tove Ditlevsen,Gesichter)


„Barabas kam auf dem Seeweg in die Familie“, trug die kleine Clara in ihrer zarten Schönschrift ein. Sie hatte schon damals die Gewohnheit, alles Wichtige aufzuschreiben, und später, als sie stumm wurde, notierte sie auch die Belanglosigkeiten, nicht ahnend, dass fünfzig Jahre später diese Hälfte mir dazu dienen würde, das Gedächtnis der Vergangenheit wieder zu finden und mein eigenes Entsetzen zu überleben […]“

(Isabel Allende, Das Geisterhaus)


„Man ging und ging und sang ‚Ewiges Gedenken‘. Und wenn die Stimmen verstummten, tönte der Trauergesang fort im Rhythmus der Schritte, im Geklapper der Pferdehufe und im Wehen des Windes. Passanten gaben den Weg frei, um den Trauerzug vorbeiziehen zu lassen, sie zählten die Kränze und bekreuzigten sich. Neugierige schlossen sich der Prozession an und fragten: „Wer wird begraben“ […]“

(Boris Pasternak, Dr. Schiwago)



„Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen […].“

(Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)



Romananfänge können uns sofort treffen – leise oder laut, poetisch oder präzise, erzählerisch oder gedanklich. Vielleicht liegt der Zauber eines Anfangs gerade darin, dass er sowohl eine Verheißung als auch eine Öffnung ist: ein erster Schritt in eine Welt, die erst noch entstehen wird, Satz für Satz.

Cover des Romans HUNGERGESANG von Nicola Quaß: Eine stilisierte Frauenfigur mit geschlossenen Augen und rot geschminkten Lippen öffnet den Mund, um eine weiße Feder zu empfangen. Weitere Federn treiben vor einem dunkelgrünen, wasserähnlichen Hintergrund. Das Motiv symbolisiert Verlangen, Hingabe und Sprachlosigkeit. Erschienen bei KUL-JA! Publishing.

Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul-ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden. 

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