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Eine literarische Analyse über Isolation, Humanismus und das Wesen des Menschseins – am Beispiel von Marlen Haushoffers „Die Wand“ und Kazuo Ishiguros „Klara und die Sonne“


Von Nicola Quaß

01.06.2026


„Verdutzt streckte ich die Hand aus und berührte etwas Glattes und Kühles: einen glatten, kühlen Widerstand an einer Stelle, an der doch gar nichts sein konnte als Luft.“ 

(Marlen Haushofer, Die Wand) 


Es geschieht selten, dass mich ein Buch von Beginn an so in seinen Bann zieht wie „Die Wand“ der österreichischen Autorin Marlen Haushofer (1920–1970). Die vierzigjährige Ich-Erzählerin verreist mit ihrer Cousine und deren Ehemann für ein Wochenende zu einer Jagdhütte ins Gebirge. Das Ehepaar sucht abends noch eine im Tal gelegene Gaststätte auf – und kehrt nicht zurück. Als die Protagonistin nach ihnen sucht, stößt sie am Ausgang der Schlucht gegen einen glatten, undurchsichtigen Widerstand. Eine unsichtbare Wand trennt sie von der Außenwelt. Es folgen Wochen, Monate, Jahre, in denen sie keinem Menschen begegnet und lernt, in der Abgeschiedenheit zu überleben. Ihre einzigen Begleiter sind Tiere: der Jagdhund Luchs, die Kuh Bella, eine Katze mit ihrem Jungen, Perle. Im Verlauf des Romans werden sie zu Resonanzräumen ihres inneren Monologs. Die Sprache ist klar, präzise; die Tonlage melancholisch, introspektiv. Die Kraft der Erzählung liegt vor allem in der gewählten Perspektive: unsicher, tastend, rückblickend. 


„Heute, am fünften November, beginne ich mit meinem Bericht. Ich werde alles so genau aufschreiben, wie es mir möglich ist. Aber ich weiß nicht einmal, ob heute überhaupt der fünfte November ist.“ 


Immer wieder versucht die Erzählerin, sich zu erinnern – und doch zerfallen Erlebnisse zu Fragmenten, zu flüchtigen Fetzen. Der Roman wurde vielfach als Zivilisationskritik gelesen, als Manifest weiblicher Selbstbehauptung, auch als Robinsonade mit einer starken Frau im Zentrum. 


Der Mensch, in seinen Urzustand zurückgeworfen, dem alle Luxus- und Industriegüter plötzlich nutzlos erscheinen, ist ein faszinierendes Gedankenexperiment. Wer sind wir, wenn es nichts mehr gibt, das uns aufwertet? Wen sehen wir, wenn das Gegenüber fehlt, das uns spiegelt? Im Geiste laufe ich mit der Protagonistin die einsamen Pfade entlang, die sie in Begleitung ihrer Tiere beschreitet. Ich besteige mit ihr die Berghänge, verbringe die stummen Stunden in der Jagdhütte. Und immer wieder stoße ich mit ihr gegen die unsichtbare Wand, die uns unmissverständlich vor Augen führt, dass wir von der Außenwelt abgeschnitten sind, dass es keine Rettung gibt. In Ermangelung menschlicher Stimmen verdichten sich das Rauschen des Waldes, die stummen Blicke der Blumen, das einsame Kirren einer Berglärche zu einer Schicksalsmelodie des vereinsamten Menschen. Von nun an bleiben alle Fragen unbeantwortet – und doch findet sich am Ende des Buches eine Antwort. 


Mich hat dieser Text gerade aufgrund seines radikalen Humanismus tief berührt. Durch die Abwesenheit von Menschen und die Tiere als ihre einzigen verbliebenen Gefährten muss die Erzählerin Menschlichkeit neu definieren. Ihre Beziehung zu ihnen entsteht aus Beobachtung und Fürsorge: der verletzte Hund Luchs, die trächtige Kuh Bella, das Kätzchen Perle, das eines Tages verletzt zurückkehrt und vor ihren Augen stirbt. Diese Momente gehen unter die Haut, denn sie zeigen, wie sehr wir als Menschen von Beziehungen abhängen – und dass Fürsorge und Füreinanderdasein unsere größten Stärken sind. In einem vollkommen menschenleeren Raum werden Tiere zu Prüfsteinen ethischen Handelns. Dieser „Humanismus ohne Menschen“ ist in meinen Augen das stille Zentrum des Buches. 


Humanismus als Fundament epischer Werke hat in der Literatur eine lange Tradition. Zu seinen Vertretern zählen etwa Thomas Mann, Stefan Zweig, Albert Camus oder George Eliot. In jüngerer Zeit ließen sich Ian McEwan, Zadie Smith oder Fernando Aramburu hinzufügen – Autoren, deren Werke zu den Wurzeln der menschlichen Schöpfung vordringen. Was macht den Kern des Menschseins aus, und wie bewahren wir unsere Würde in einer Welt, die uns zu entmenschlichen droht? 


Dieses Thema greift in eindringlicher Weise auch Kazuo Ishiguro in seinem 2021 erschienenen dystopischen Roman „Klara und die Sonne“ auf. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Klara, einer künstlichen Intelligenz, die die Menschen beobachtet und sich über ihr Verhalten wundert. Sie steht im Schaufenster eines Ladens und kann es kaum erwarten, endlich gekauft zu werden und unter Menschen zu sein. Das Besondere an Klara und den anderen „KF’s“ ist, dass sie die Sonne als Nahrung brauchen. Offenbar erhalten sie über Solarzellen ihren Strom und können ihn in ihren künstlichen Körpern speichern. Wie für den Menschen ist die Sonne auch für Klara eine Existenzsicherung. 


„Wenn ich das Glück hatte, sie so zu sehen, hielt ich ihr das Gesicht entgegen, um so viel von ihrer Nahrung aufzunehmen, wie ich konnte (…) und als wir neu waren, machten wir uns ständig Sorgen, dass wir womöglich immer kraftloser wurden, weil wir die Sonne von der Ladenmitte aus oft nicht sehen konnten.“ 

(Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne, übers. von Barbara Schaden, Blessing Verlag 2021) 


Das Fremde macht das Menschliche sichtbar. Klara, die KI-gesteuerte Puppe, die an ein Mädchen verkauft wird, um ihr die Langeweile zu vertreiben, handelt oft „menschlicher“ als die Menschen um sie herum. Der „tote“ Blick einer aus Drähten und Daten bestehenden Maschine wird zum Spiegel dessen, was ein Mensch sein kann: unsicher, unberechenbar, verletzlich. Durch diesen kalten, algorithmischen Blick nähert sich Ishiguro der Kernfrage der conditio humana: Was ist die menschliche Seele? Was unterscheidet uns von einem bloßen Programm? Der Roman fragt, ob es im Menschen etwas Einzigartiges gibt, das eine Maschine nicht kopieren kann. Gerade in Zeiten, in denen Künstliche Intelligenz eine Art Zeitenwende herbeiführt und Menschen um ihre Jobs und ihre Individualität fürchten, ist die Auseinandersetzung mit dem Wesen des Menschseins aktueller denn je. Die Frage, die wir uns immer lauter stellen müssen, lautet: Wird Künstliche Intelligenz eines Tages den Menschen ersetzen? Meine Antwort ist eine vorläufige: Sie wird den Menschen verändern, ihn auf die Probe stellen – und es liegt an uns, die Leerstellen zu finden, durch die wir Neues erschaffen und uns weiterentwickeln. Denn im Grunde wiederholt KI menschliches Denken in immer neuen Variationen; sie erfindet nichts neu.

Cover des Romans HUNGERGESANG von Nicola Quaß: Eine stilisierte Frauenfigur mit geschlossenen Augen und rot geschminkten Lippen öffnet den Mund, um eine weiße Feder zu empfangen. Weitere Federn treiben vor einem dunkelgrünen, wasserähnlichen Hintergrund. Das Motiv symbolisiert Verlangen, Hingabe und Sprachlosigkeit. Erschienen bei KUL-JA! Publishing.

Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul—ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden. 

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