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Warum wir Codes und Fantasiesprachen lieben oder: Wenn Sprache zum Schutzschild wird

01.05.2026

Mit großen Augen saß ich vor dem Fernseher und folgte den Lippenbewegungen der Nachrichtensprecherin. Ihre Worte quietschten in meinem Ohr, während ihr Haar wie ein in Gold getauchter Vorhang schillerte. Von draußen drangen die hohen Rufe der Seemöwen herein. Das Abendlicht verfing sich an den Rändern der Schlagläden unseres Ferienhauses, und aus der Ferne rauschte das Meer. Von den Sätzen der Moderatorin verstand ich kein einziges Wort. Dennoch bildete ich mir ein, anhand ihres Tonfalls, ihrer Mimik und Gestik einen Inhalt zu erkennen. Es mussten positive Nachrichten sein, glaubte ich, denn ihre Stimme klang lieblich, ihre Mimik fröhlich, entspannt. An den Gesprächen meiner Eltern merkte ich jedoch schnell, dass ich mich irrte. Von saurem Regen war die Rede, von Waldsterben, einem kalten Krieg. Und obwohl auch sie die Sprache der Nachrichtensprecherin nicht beherrschten, verstanden sie die englischen Untertitel – Sätze, die mir, obwohl ich bereits lesen und schreiben konnte, vollkommen unverständlich blieben.


Seit jenen Tagen ließ mich die Faszination, in einer anderen Sprache zu sprechen, nicht mehr los. Es war unser Sommerurlaub in Dänemark, ich ging noch nicht zur Schule. Lange wusste ich nicht, was mich an einer Fremdsprache so anzog: war es der Wunsch, nicht verstanden zu werden? Oder die Vorstellung, mit ihrer Hilfe jemand anderes sein zu können – vielleicht sogar viele?


Mit meiner Freundin erfand ich später eine eigene Geheimsprache. Wir verdoppelten Silben oder vertauschten Vokale – wir wurden schnell durchschaut. Also begannen wir, Personen, Dinge oder Situationen anders zu benennen, eine Methode, die unsere Gespräche exklusiv machte und zugleich unverfänglich. Doch eine echte Geheimsprache war es nicht mehr. Für andere sprachen wir einfach nur in Rätseln.


Die Geheimsprache der Drillinge Mara, Lara und Sara in meinem Roman Hungergesang heißt Dülüngü. Sie haben sie in einer kalten Neumondnacht erlernt – zu einer Zeit größter Finsternis. Dülüngü ist mehr als eine Kindersprache. Sie ist Instrument, Identitätsmerkmal und Schutzschild zugleich, denn die Drillinge leben in einer Welt, in der nicht alles gesagt werden darf. So lernen sie früh, über Codes zu kommunizieren, während der äußere Schein gewahrt bleibt. Dülüngü – das ist die stille Post, die unentwegt zwischen ihnen zirkuliert. Sie sprechen sie in der Schule, im Beisein ihrer Eltern, sie flüstern sie einander nachts von ihren Bettkanten aus zu.


Fantasiesprachen, erfundene Idiome oder unverständlicher Slang sind der Literatur nicht fremd. In A Clockwork Orange von Anthony Burgess sprechen die Jugendlichen Nadsat, einen fiktiven Slang, der zu Beginn nahezu inkommensurabel wirkt:


„Der Tschelloweck neben mir auf der langen breiten plüschigen Sitzbank, die sich an drei Wänden langzog, war bannig hinüber, hatte glasige Glasis und blubberte Slowos wie ›Aristoteles arbeitet wischiwaschi mit einem Ausflug von Alpenveilchen in rhagadiformer Pfiffigkeit‹.“


Von Droogs ist die Rede, von Malschiks, Moloko und Missel. Man liest die ersten Seiten und versteht zunächst nur Bahnhof. Dennoch entfaltet die Sprache einen Sog. Man liest weiter, ohne zu verstehen, bloß mit dem Willen, irgendwann einen Sinn zu erkennen. Und tatsächlich: Mit der Zeit gewöhnt man sich an das verfremdete Vokabular. Man begreift – Malschiks sind Jungen, Tschellowecks Menschen, Glasis Augen. Russische Wörter, in die Muttersprache integriert, als eine Art Code.


Doch während Burgess zeigt, wie Sprache zur Bastion der Freiheit (und der Rebellion) wird, demonstriert ein anderer Klassiker das genaue Gegenteil. Eine Art Anti-Geheimsprache findet sich nämlich in George Orwells 1984. Im sogenannten Neusprech reduziert die Partei im Namen des „Großen Bruders“ den Wortschatz der Menschen so weit, dass „Gedankenverbrechen“ unmöglich werden, weil die Worte dafür fehlen. Es entsteht eine Sprache ohne Leerstellen, ohne Doppelbedeutungen oder Nuancen, durch die Gefühle transportiert werden könnten. Eine Sprache, die eindeutig, funktional und seelenlos ist.


Für die Drillinge Mara, Lara und Sara ist Dülüngü mehr als ein Rückzugsort. Sie dient ihnen als Verbundenheit untereinander. Doch irgendwann reicht ihnen ihre Kunstsprache nicht mehr. Sie erkennen: Sprache ist Identität. Sie existiert jenseits der erlernten Muttersprache und ist so individuell, dass jeder Mensch in seinem eigenen Schema spricht. Man muss nur lange genug in sich hineinhören, um sie zu entdecken. Und so merken sie eines Tages, dass sie längst über ihre eigene Sprache verfügen – die Sprache der Drillinge. Sätze, die ihnen wie von Zauberhand zufliegen:


Ätt hüyet üjefang en änger Zeyt,

wu d’Eitschert em greyessen üwwer

den elero Amselgrynn Kürrefecht

war en vyn de üss e längere Scheid

üwer d’Ärd yefäll üss. Dünn hüyet se

d’Nüch opjedält en drey Färewen

erställt, üs denen d’Trippelen

Mara, Lara e Sara gebürt.


Seine eigene Sprache zu finden – das ist vielleicht auch eine Lebensaufgabe des Menschen und sein großes Glück. Keine Gedankenpolizei kann sie ihm nehmen.

Cover des Romans HUNGERGESANG von Nicola Quaß: Eine stilisierte Frauenfigur mit geschlossenen Augen und rot geschminkten Lippen öffnet den Mund, um eine weiße Feder zu empfangen. Weitere Federn treiben vor einem dunkelgrünen, wasserähnlichen Hintergrund. Das Motiv symbolisiert Verlangen, Hingabe und Sprachlosigkeit. Erschienen bei KUL-JA! Publishing.

Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul—ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden. 

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