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Literarischer Blog


Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – von Romananfängen und ersten Sätzen

01.01.2026

Mit diesem Beitrag eröffne ich meinen literarischen Blog, in dem ich künftig regelmäßig über Lektüren, Schreibprozesse und ästhetische Fragen nachdenken möchte. Er soll meine eigene Arbeit begleiten, vertiefen und zugleich Einblicke in die Themen geben, die mich als Autorin bewegen.

Es ist Januar. Ein neues Jahr hat begonnen. Die Luft ist schneidig und kalt, in der Ferne verhallen noch vereinzelte Silvesterböller. Auf den Straßen liegen die Reste der vergangenen Nacht: leere Sektflaschen, fehlgezündete Raketen, Luftschlangen, Konfetti. Später werden die Reinigungsfahrzeuge kommen und die Überbleibsel wegspülen. Dann gleicht das neue Jahr zunächst wieder dem alten – auch wenn sich bald Ereignisse einstellen werden, die es neu und anders machen.

Die Tage zwischen den Jahren sind eine gute Zeit, sich der Lektüre zuzuwenden: Bücher, die einen einst verzaubert haben, wieder aus dem Regal zu nehmen, noch einmal ihre Sätze zu atmen und in eine andere Welt einzutauchen. 


„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ 










Dieses Zitat aus Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ kommt mir oft in den Sinn, wenn ich ein Buch aufschlage und den ersten Satz lese.


Ein Romananfang ist ein Versprechen. Er eröffnet nicht nur eine Geschichte, sondern auch einen Ton, eine Haltung, eine Welt. Oder, um es mit Platon zu sagen: „Der Anfang ist der wichtigste Teil der Arbeit.“ Ein gelungener erster Satz zieht mich unmittelbar hinein – durch eine dichte, sinnliche Sprache, eine ungewöhnliche Perspektive, ein atmosphärisches Bild, einen gedanklichen Impuls oder eine Figur, mit der ich mich verbinden kann.

Im Folgenden stelle ich einige Romananfänge vor, die mich auf ganz unterschiedliche Weise berührt und in ihren Bann gezogen haben – Sätze, die die Tür zu einer Welt aufstoßen und mich schon beim ersten Lesen nicht mehr losließen:


„Als wir neu waren, standen Rosa und ich in der Ladenmitte, wo auch die Zeitschriften auslagen, und hatten den größeren Teil des Schaufensters im Blick. So konnten wir die Außenwelt sehen – die vorbeihastenden Büroarbeiter, die Taxis, die Läufer, die Touristen, Bettelmann und seinen Hund, den unteren Teil des RPO-Gebäudes. Als wir uns schon ein bisschen eingelebt hatten, erlaubte uns Managerin, nach vorne zu gehen, direkt ins Schaufenster, und da erst sahen wir, wie hoch das RPO-Gebäude war. Und wenn wir zum richtigen Zeitpunkt da waren, sahen wir die Sonne auf ihrem Weg von den Dächern auf unserer Seite zum RPO-Gebäude hinüberwechseln.

(Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne)


Abends war es ein wenig besser. Sie konnte es vorsichtig glätten und betrachten, in der Hoffnung, irgendwann doch einen Überblick darüber zu gewinnen, als wäre es ein unfertiger, vielfarbiger Gobelin, dessen Muster eines Tages zu erahnen war. Die Stimmen kehrten zu ihr zurück und ließen sich mit etwas Geduld voneinander trennen. Wie die Fäden eines verhedderten Wollknäuels. […]“

(Tove Ditlevsen,Gesichter)


„Barabas kam auf dem Seeweg in die Familie“, trug die kleine Clara in ihrer zarten Schönschrift ein. Sie hatte schon damals die Gewohnheit, alles Wichtige aufzuschreiben, und später, als sie stumm wurde, notierte sie auch die Belanglosigkeiten, nicht ahnend, dass fünfzig Jahre später diese Hälfte mir dazu dienen würde, das Gedächtnis der Vergangenheit wieder zu finden und mein eigenes Entsetzen zu überleben […]“

(Isabel Allende, Das Geisterhaus)


„Man ging und ging und sang ‚Ewiges Gedenken‘. Und wenn die Stimmen verstummten, tönte der Trauergesang fort im Rhythmus der Schritte, im Geklapper der Pferdehufe und im Wehen des Windes. Passanten gaben den Weg frei, um den Trauerzug vorbeiziehen zu lassen, sie zählten die Kränze und bekreuzigten sich. Neugierige schlossen sich der Prozession an und fragten: „Wer wird begraben“ […]“

(Boris Pasternak,Dr. Schiwago)



„Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen […].“

(Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)



Romananfänge können uns sofort treffen – leise oder laut, poetisch oder präzise, erzählerisch oder gedanklich. Vielleicht liegt der Zauber eines Anfangs gerade darin, dass er sowohl eine Verheißung als auch eine Öffnung ist: ein erster Schritt in eine Welt, die erst noch entstehen wird, Satz für Satz.

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