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Literarischer Blog
02.02.2026
Ich las dieses Buch im Jahr 2021. Es war das erste aus der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen mit dem Titel „Kindheit“, und schon der erste Satz zog mich in seinen Bann.
„Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten, schwarzen Haar meiner Mutter ...“
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, über Kindheit zu schreiben. Eine ist, sich retrospektiv an sie zu erinnern, eine andere über sie zu schreiben, als gehe es um jemand anderes. Man kann aber auch das Kind sprechen lassen, als erlebte es die Handlung selbst.
Die kindliche Perspektive ist in der Literatur verhältnismäßig wenig verbreitet. Vielleicht, weil man mit ihr zu sehr Kinderliteratur verbindet. In der Erwachsenenliteratur kommt sie oft dann zum Tragen, wenn es für das Geschehene kaum Worte gibt, die nicht sofort an Glaubwürdigkeit verlieren würden, wenn man das Unfassbare zu beschreiben versucht. Das, was nicht gesagt werden kann, füllt das Kind mit seiner Fantasie - und spricht damit Wahrheiten aus, die jenseits des Vorstellbaren liegen.
„Auf dem Grund meiner Kindheit steht mein Vater und lacht. Er ist so alt und schwarz wie unser Kachelofen, aber nichts an ihm macht mir Angst.“
In „Kindheit“ ist die Wahrnehmung der Protagonistin fragmentarisch, synästhetisch, emotional - und hoch poetisch. Der Blick ist unverstellt und schwankt zwischen anrührender Beschreibung und schockierender Gleichgültigkeit. Das Besondere an der kindlichen Perspektive ist, dass sie noch nicht unterscheiden kann zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Sie nimmt Randerscheinungen und Nebensächliches wahr, die Erwachsene oft übersehen. Durch diese unschuldige Sicht kann ein ungeheuerliches Geschehen authentisch wiedergegeben werden.
Ungeheuerlich ist das Thema in Imre Kertesz Roman „Roman eines Schicksallosen“. Er handelt vom Leben in Ungarn während des Zweiten Weltkrieges, der Deportation in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald, dem (Über-)leben unter härtesten, unvorstellbar grausamen Bedingungen, erzählt aus der Perspektive des 15-jährigen György. Durch den neutralen, beinahe lakonischen Blick des Kindes wird das Schrecken noch unerträglicher wiedergegeben - weil es die Dinge schildert, so, wie sie waren, ohne zu kommentieren, zu strukturieren. Das Grauen tritt neben das Alltägliche und erhält dadurch Authentizität und Echtzeitcharakter.
Der kindliche Blick ist damit auch immer der Blick des Zeitzeugen, des stillen Betrachters, der irgendwann vielleicht zum Verräter wird. Und deshalb zieht mich diese Perspektive so sehr in ihren Bann und dient mir selbst als Mittel, Sprachloses sprechbar zu machen.

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