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Die Suche nach der eigenen Stimme: Von Virgina Woolf zu Ingeborg Bachmann

Über die Zerbrechlichkeit der Identität und die Macht des geschriebenen Wortes

01.04.2026

„Aber, werden Sie sagen, wir haben Sie gebeten, über Frauen und Literatur zu sprechen – was hat das mit einem Zimmer zu tun, das man für sich allein hat? Ich werde versuchen, es zu erklären“ - Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein



Will man heute über weibliche Stimmen in der Literatur sprechen, dann muss man zunächst über ihre Abwesenheit sprechen. Über Jahrhunderte hinweg wurde der Kanon der Weltliteratur von Männern gebildet. Selbst Bücher mit weiblichen Protagonistinnen waren aus einem männlichen Erfahrungshorizont heraus geschrieben und gaben die weibliche Perspektive oft nur verzerrt oder gefiltert wieder. Meistens waren die Protagonisten jedoch Männer. Sie waren Helden, duellierten sich mit anderen Männern, philosophierten mit ihnen über das Leben. Frauen wurden reduziert zu dem, was sie zu dieser Zeit in der Gesellschaft waren: Beiwerk, Muse, Objekt männlicher Begierde. Ihre Rollen: unbedeutend, funktional. Das Problem dieser Geschichte ist weniger ihre Wahrheit als ihre Gewöhnlichkeit.


Ich erinnere mich noch an meine ersten Schreibversuche. Ich war vielleicht siebzehn Jahre alt und gerade berauscht von den Werken Franz Kafkas, Thomas Manns, E.T.A Hoffmanns - Autoren, die wir in der Schule durchnahmen und die mir lange als Vorbilder für mein Schreiben dienten und deren handwerkliche Meisterschaft ich bis heute bewundere, auch wenn ich ihren Blick hinter mir gelassen habe. Diese Schriftsteller zählen ohne Frage zu den größten Stimmen der deutschsprachigen Literaturgeschichte, und es spricht nichts dagegen, von ihren Werken zu lernen. Erst einige Jahre später - nach meiner Schulzeit - als ich mich mit Werken von Ingeborg Bachmann, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Inger Christensen oder Friederike Mayröcker auseinandersetzte, verstand ich plötzlich, warum meine ersten Schreibversuche - Kurzgeschichten - zu nichts führten: sie handelten alle von männlichen Protagonisten. Warum? Ich hatte ganz unbewusst einen „männlichen Blick“ adaptiert, weil ich es von meinen Vorbildern aus der Schulzeit so kannte, mit dem Resultat, dass die Figuren unecht wirkten, die Sprache sperrig, stumpf. 


Die Sprache war nicht meine eigene.


„Wenn jedoch diese armen Sätze, die man sich zum Prüfen vornimmt, mit ihren hellen Farben und forschen Gesten (...) dann aber dort stehen bleiben: etwas scheint sie in ihrer Entwicklung zu hemmen – (...) dann stößt man einen Seufzer der Enttäuschung aus und sagt: Wieder ein Fehlschlag. Dieser Roman ist an irgendeiner Stelle gescheitert.“ - Virginia Woolf, Ein Zimmer von sich allei





















Die Unsicherheit, das Fragment, von dem Woolf hier spricht, ist kein Ausdruck schriftstellerischen Unvermögens. Vielmehr das Ergebnis einer Grenze, die vor dem Text liegt und sich in ihn eingeschrieben hat. Vermeintliche Merkmale einer „weibliche Stimme“ – das Zögernde, das Fragment, die vermeintliche Unfertigkeit –, werden hier als historische Symptome entlarvt. Sie sind lesbar als Narben einer inneren Zensur, die dort einsetzt, wo Schreiben Autorität beanspruchen müsste. Es sind Spuren eines verhinderten Sprechens.


„Mit einer neuen Sprache wird der Wirklichkeit immer dort begegnet, wo ein moralischer, erkenntnishafter Ruck geschieht …“ - Ingeborg Bachmann, Frankfurter Vorlesung: Probleme zeitgenössischer Dichtung


Für mich bedeutete diese Erkenntnis: zunächst die erlernte Sprache zu demontieren, sie zu sezieren, analysieren, von ihrer Ursprungsbedeutung abzutrennen, um zum Kern eines Sprechens vorzudingen, das sich einer stabilen Syntax entzieht. Daraus ließe sich vielleicht seine eigene Stimme finden. Daraus entstehe vielleicht irgendwann Literatur. Was ich fand, waren Bilder, Stimmungen, Synästhesien, die mir ein neues Sprechen ermöglichten.


Vielleicht ist dieser Text gar kein Text über weibliches Sprechen, vielleicht ist er ein Text über literarisches Sprechen mit einer Stimme, die nicht jedermanns ist, die nur einem selbst gehört, allein. Daher, um mit den Worten Ingeborg Bachmanns zu schließen: 


Hätten wir das Wort, hätten wir Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“ - Ingeborg Bachmann, Frankfurter Vorlesung: Probleme zeitgenössischer Dichtung


weibliche Hand mit Stift auf einem Notizblock

©Hannah Olinger@Unsplash        

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