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Ego-States und Ich-Zustände: Wie frühere Versionen unseres Selbst weiterleben

Ein altes Tagebuch, Alex Schulmans Roman »Jetzt beginnt das Leben« und die Frage, wie Erfahrungen aus der Kindheit unsere Gegenwart prägen

Von Nicola Quaß

04.11.2026

Ein Tagebuch als Tür zum früheren Ich

Das Buch entdecke ich auf dem Dachboden in einer Umzugskiste. Sein Einband ist aus Seide. Darauf sind Häuser mit japanischen Tempeldächern zu sehen, Geishas und Kraniche. Dazwischen Bambusgewächse, wie man sie von traditionellen japanischen Wandgemälden kennt. Der lederne Buchrücken ist dunkelrot, und ich weiß noch, wie gern ich das Buch in meinem Regal betrachtet habe, zwischen den Enid-Blyton-Bänden und der Pumuckl-Reihe.


Die Seiten waren ursprünglich vollkommen leer. Als Kind habe ich darin Tagebuch geschrieben. Ich erkenne die kindliche Schrift. Das Datum vor jedem Eintrag. Das Wort »Ende«, wenn ich fertig war. Noch immer meine ich den Flieder zu riechen, den die Dufttinte auf dem Papier hinterlassen hat. Ich erkenne die blassen Buchstaben der mit Tintenkiller nur unzureichend widerrufenen Wörter.


Die Einträge beginnen im März 1982 und brechen im November 1984 ab, einige Seiten vor dem eigentlichen Ende des Buches. Ich weiß nicht, warum ich vorzeitig aufgehört habe. Ob es einen Anlass gab oder ob ich einfach die Lust verlor, und wenn ja, warum.


Ich erinnere mich nicht. Doch als ich das Buch nun, nach mehr als vierzig Jahren, wieder in den Händen halte, stelle ich mir diese Frage. Plötzlich gibt es da eine Leerstelle in meiner Biografie, von der ich bis zu diesem Tag nicht wusste, dass sie existiert. Der letzte Satz lautet: »Vielleicht hatte sie recht …«


Ich nehme das Buch mit nach Hause. Abends schlage ich es im Licht der flackernden Stehlampe auf. Ich beginne in der Mitte, an einem beliebigen Tag im Mai. Ich betrachte die Schrift, die mir vertraut und fremd zugleich vorkommt. Ich lese die Sätze, die wenigen Rechtschreibfehler, die ich sofort korrigieren will. Das falsch gebeugte Verb. Das kleingeschriebene Substantiv. Die Verwechslung von Final- und Relativsatz.


Über viele Einträge muss ich lachen. Habe ich das wirklich geschrieben? Das bin doch nicht ich. Und nein: Es ist zumindest nicht das Ich, das ich heute bin. Es ist ein anderes. Eines, das es einmal gegeben hat und das auf eine bestimmte Weise noch immer existiert.

Alex Schulmans »Jetzt beginnt das Leben«: Ein Anruf in der Vergangenheit

Im Roman »Jetzt beginnt das Leben« des schwedischen Bestsellerautors Alex Schulman findet die Hauptfigur Vidar ein altes Telefonbüchlein seines Vaters. Darin steht auch die Nummer des Sommerhauses, in dem er als Kind mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester die Ferien verbrachte.


Von einem spontanen Einfall getrieben, wählt der inzwischen über Vierzigjährige die Nummer und erkennt am anderen Ende die Stimme seines verstorbenen Vaters. Vidar ruft immer wieder an. Jedes Mal meldet sich ein anderes Familienmitglied, schließlich sogar er selbst im Alter von acht Jahren.


Schon bald begreift er: Wann immer er anruft, ist am anderen Ende der Leitung der 17. Juni 1986. Ein scheinbar beliebiger Tag seiner Kindheit, an den er lange kaum Erinnerungen hatte. Doch an diesem Tag gibt es einen weißen Fleck. Während eines kurzen Zeitraums von etwa einer Stunde geht niemand ans Telefon, und Vidar weiß nicht, was in dieser Zeit geschehen ist.


Was mich an dem Roman besonders fasziniert, ist die Art, wie der Protagonist mit seinem früheren Ich in Kontakt tritt, das er nur »den Jungen« nennt. Immer wieder ruft er ihn an, um herauszufinden, was an jenem Tag geschehen ist, welche Erfahrung, welche Verletzung bis in seine Gegenwart hineinwirkt.

Die Kreisbewegungen der Erinnerung

In der Gegenwart ist Vidar vom Schuldienst suspendiert worden, nachdem er einen Schüler verletzt hat. Eigentlich wollte er nur in einen Streit eingreifen. Doch etwas entfachte in ihm eine Wut, die er selbst nicht versteht. Was sie ausgelöst hat, ist seiner Erinnerung weitgehend entzogen.


Die Antwort scheint bei dem Jungen zu liegen, an jenem 17. Juni 1986.


Schulman verhandelt diese Begegnung mit dem früheren Ich auf eine soghafte und beklemmende Weise. Die wiederkehrenden Anrufe in das Jahr 1986 und Vidars Versuche, zugleich den Vorfall in der Schule zu rekonstruieren, bilden Kreisbewegungen. Mit jeder Runde kommen neue Informationen hinzu. Nach und nach wird sichtbar, was die Erinnerung nicht preisgeben wollte.

Was sind Ego-States oder Ich-Zustände?

Der Begriff Ego-State wird in unterschiedlichen psychotherapeutischen Zusammenhängen verwendet. In der Transaktionsanalyse bezeichnet er einen Ich-Zustand: ein zusammenhängendes Muster des Denkens, Fühlens und Verhaltens, aus dem heraus ein Mensch in einem bestimmten Augenblick erlebt und handelt.


Das Modell geht auf den kanadisch-amerikanischen Psychiater Eric Berne zurück, den Begründer der Transaktionsanalyse.  Es handelt sich um ein psychologisches und psychotherapeutisches Modell, das Persönlichkeit und zwischenmenschliche Kommunikation unter anderem mithilfe von Ich-Zuständen, Transaktionen, psychologischen Spielen und Lebensskripten beschreibt.


Berne unterschied drei grundlegende Ich-Zustände:


Parent oder Eltern-Ich: verinnerlichte Botschaften, Normen und Verhaltensweisen früher Bezugspersonen

Adult oder Erwachsenen-Ich: gegenwartsbezogene Wahrnehmung, Prüfung von Informationen und angemessenes Reagieren auf die aktuelle Situation

Child oder Kind-Ich: frühere Arten des Denkens, Fühlens und Handelns, aber auch Spontaneität, Kreativität und Lebendigkeit


Diese Ich-Zustände sind keine voneinander getrennten Persönlichkeiten.  Ihr Alter ist nicht immer bestimmbar. Wenn in uns scheinbar der achtjährige Junge, das zehnjährige Mädchen oder der dreizehnjährige Teenager spricht, ist das vielmehr ein Bild dafür, dass früh erlernte emotionale und gedankliche Muster wieder in den Vordergrund treten.


Schulmans achtjähriger Vidar lässt sich deshalb als literarische Verkörperung eines solchen früheren Ich-Zustands lesen mit Mitteln der erzählerischen Zuspitzung.

Kindheit, Lebensskript und biografische Leerstellen

Zur Transaktionsanalyse gehört auch die Vorstellung eines Lebensskripts. Gemeint ist ein unbewusster Lebensplan, der unter dem Einfluss früher Botschaften und kindlicher Entscheidungen entsteht und später Wahrnehmung und Verhalten mitprägen kann.


Nicht jede Erinnerungslücke ist deshalb ein »Skriptmoment«, und nicht jede Leerstelle verbirgt ein einzelnes, entscheidendes Ereignis. Mit den Begriffen der Transaktionsanalyse lässt sich die Leerstelle in Schulmans Roman jedoch als jener Bereich lesen, in dem frühe Erfahrungen und Schlussfolgerungen Teil eines Lebensskripts geworden sind.


Der erwachsene Vidar kann seine gegenwärtige Reaktion nicht verstehen, solange ihm der Zusammenhang mit dem Kind, das er einmal war, verborgen bleibt. Seine Vergangenheit erklärt nicht alles. Aber sie verändert die Bedeutung dessen, was in der Gegenwart geschieht.

Wenn alte Muster nicht mehr zur Gegenwart passen

Ich-Zustände und früh gelernte Verhaltensmuster sind nicht grundsätzlich problematisch. Sie können Orientierung geben und in vertrauten oder belastenden Situationen schnelle Reaktionen ermöglichen. Nicht jedes alte Muster muss überwunden werden. Manche schützen uns, andere schenken uns Spontaneität, Kreativität oder die Fähigkeit, für andere zu sorgen.


Schwierig wird es, wenn ein früher sinnvolles Muster die gegenwärtige Situation falsch deutet. Dann reagieren wir womöglich nicht nur auf das, was gerade geschieht, sondern zugleich auf etwas längst Vergangenes.


Die Beschäftigung mit der eigenen Biografie kann helfen, solche Zusammenhänge wahrzunehmen. Dabei geht es nicht darum, Erinnerungslücken mit Gewalt zu schließen oder verschüttete Erinnerungen um jeden Preis wiederherzustellen. Entscheidend ist vielmehr, gegenwärtige Muster zu erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen.

Was Literatur über unsere früheren Ichs erzählen kann

Literatur kann solche inneren Vorgänge auf besondere Weise erfahrbar machen. Sie lässt uns durch die Zeit reisen und Figuren als verschiedene Versionen ihrer selbst erleben und  kann damit das Kind und den Erwachsenen in uns miteinander sprechen lassen.


Bei Schulman vollzieht sich der Kontakt zum «inneren Kind» über ein Telefonat. Der erwachsene Vidar kann den Jungen anrufen, ihm Fragen stellen, ihn drängen, ihm zuhören. Das eher abstrakte Modell der Ego-States erhält hier eine Stimme.


Wenn ich heute mein altes Tagebuch lese, höre auch ich die Stimme des Kindes wieder, das ich einmal gewesen war. Dieses Kind ist nicht mein ganzes heutiges Ich. Aber es gehört zu der Geschichte, aus der ich hervorgegangen bin.


Vielleicht liegt darin die eigentliche Magie: nicht eine einzige, endgültige Version seiner selbst zu finden, sondern die verschiedenen Ichs miteinander in Verbindung zu bringen. Bis aus den Leerstellen ein größerer Zusammenhang wird

Cover des Romans HUNGERGESANG von Nicola Quaß: Eine stilisierte Frauenfigur mit geschlossenen Augen und rot geschminkten Lippen öffnet den Mund, um eine weiße Feder zu empfangen. Weitere Federn treiben vor einem dunkelgrünen, wasserähnlichen Hintergrund. Das Motiv symbolisiert Verlangen, Hingabe und Sprachlosigkeit. Erschienen bei KUL-JA! Publishing.

Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul—ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden. 

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