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15.07.2026
Jeder Text beginnt mit einem Geräusch. Es ist der Klang, der entscheidet, bevor der Inhalt überhaupt Gestalt annimmt. Jede Autorin, jeder Autor kennt diesen Moment: das leere Blatt, das erste Wort, der Satz, der dem Text eine Richtung gibt – bevor er sich verselbstständigt. Figuren, die man mit Worten erschafft, beginnen sich zu widersetzen: kantig, eigensinnig und manchmal starr. Was vor dem ersten Wort noch klar erscheint, löst sich nach den ersten Sätzen bereits auf. Die Handlung driftet, die Figuren entwickeln Kräfte, die sich dem Plan des Autors entziehen. Es ist das alte Paradox des Schreibens: Man erschafft eine Welt – und verliert doch die Kontrolle über sie.
„Die Welt war noch so jung, daß viele Dinge des Namens entbehrten, und um sie zu benennen, mußte man mit dem Finger auf sie deuten.“
Gabriel García Márquez,Hundert Jahre Einsamkeit
Ich sehe Macondo, den Fluss, die Roma-Familie in ihren zerlumpten Kleidern, Melchiades mit seinem Spatzenfinger – doch in Wahrheit höre ich diese Bilder. Sie summen mir einen Film in den Kopf, verdichten sich zu einer Sprach-Bild-Melodie. Als Autorin eines fiktionalen Textes bin ich Schöpferin und Begleiterin in einem: Ich erschaffe Figuren, hauche ihnen Atem ein, ziehe eine Zeitlinie, spanne einen Bogen – und lasse sie auch nach dem letzten Wort noch eine Weile weitergehen.
Ein Roman ähnelt oft einem Orchesterwerk: Figuren wie Instrumente, ein Spannungsbogen wie eine Partitur – Exposition, Steigerung, Epilog. Manche Texte sind Kammerspiele, andere Symphonien. Mal ruhig, mal wild, mal getragen. Bevor ich also schreibe, höre ich in mich hinein und warte auf eine Melodie. Manchmal beginne ich mit einem Mumble Track – einer Fantasiesprache, in der ich nur den Rhythmus spüre. Erst später finden sich die Worte ein, wie Stimmen, die sich in eine Melodie legen.
So geschah es an einem Abend im späten August. Plötzlich war eine Sprachmelodie da, die noch ohne Bedeutung war; mit ihr kamen die Bilder. Eine Idee.
„Wir schwenkten ihnen lange zu. Da glitt der Karren, in dem sie dösten, der durch das Blau der Hügel zog, die krumme Gasse hinunter, an Pilzen vorbei, verstreuten Hunden, dem Brombeerwall, in dem wir uns manchmal vergaßen.“
Zu jeder Silbe klopfte ich einen Takt, während die Bilder wie Luftballons davonzogen: drei Mädchen am Straßenrand, drei Haarfarben, drei Hände, die einem Auto nachwinken, in dem ihre Eltern sitzen.
Der erste Satz meines Debütromans „Hungergesang“ folgte unmittelbar darauf.
„Wir winkten ihnen lange nach. Da war der Wagen, in dem sie saßen, der durch das Grün der Landschaft fuhr, die schmale Straße hinunter, an Wiesen vorbei, vereinzelten Höfen, dem Maisfeld, in dem wir uns manchmal versteckten.“
Nicola Quaß, Hungergesang
Von Beginn an war klar: Die Drillinge Mara, Lara und Sara sprechen nicht nur miteinander – sie klingen miteinander. Sie erfinden eine Geheimsprache, entwickeln ihren eigenen Sound: die Sprache der Drillinge. Und die Handlung folgt wie ein innerer Kompass ihrem Gesang. Und so findet der Text bald schon einen Weg, der sich bewusst nicht steuern lässt. Sobald er den ersten Klang gefunden hat, beginnt er, sich von mir zu lösen, als würde er bereits nach seinem Empfänger suchen. Vielleicht ist Schreiben deshalb immer auch ein Akt des Hörens: Ich lausche dem Rhythmus, der sich unter den Worten bildet, achte auf seine Pause. Und irgendwann kippt etwas – der Text hört nicht mehr auf mich, sondern ich höre auf ihn
Schreiben ist mehr als nur das Schaffen von Bedeutung. Vielmehr scheint die wahre Kraft von Texten in der Beherrschung von Zeit zu liegen. So bestimmt der Rhythmus, wie schnell ein Gedanke sich entfaltet, wie lange ein Bild nachhallt, wie abrupt ein Bruch wirkt. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum manche Sätze uns wie Melodien erscheinen – sie haben eine innere Struktur, die wir körperlich erinnern, lange, nachdem sie gelesen sind.
Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul—ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden.