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Celans Flaschenpost, Pessoas innere Leser und Atwoods Zukunftsprojekt im Spiegel moderner Autorschaft

Von Nicola Quaß

03.08.2026

Botschaften an den Unbekannten: Vom Ballonbrief zur Flaschenpost


Eines Abends im späten August sendete ich eine Botschaft an die Welt, der ich noch lange nachschaute. Schon bald verlor sie sich als roter Punkt am Himmel, vermengte sich mit dem Wetter, dem dahinfliegenden Wind. Schräg stand der Wald am Horizont; darüber schob sich mein Ballon wie ein taumelnder Mond. Als Kinder lieben wir es, Botschaften an einen Unbekannten zu schreiben. Oft enthalten sie nur Karten mit unseren Adressen, abgeschickt in der Hoffnung, jemand würde uns eines Tages zurückschreiben. Die Spannung hält einige Tage an; dann wird sie von profaneren Ereignissen eingeholt. Später erweiterten wir den Gedanken mit einer Flaschenpost; eine Antwort erhielten wir nie.

Geheime Botschaften in Literatur und Film 

In Shirley Jacksons We Have Always Lived in the Castle vergräbt Merricat Dinge im Garten, als könnten sie dort unsichtbare Kräfte entfalten, die ihr Haus schützen. In Marlen Haushofers Die Wand schreibt die namenlose Protagonistin einen Bericht an einen anonymen Adressaten – wissend, dass es ihn nie geben wird. Im Film The Lake House kommunizieren zwei Menschen über einen Briefkasten, zeitversetzt um zwei Jahre.

Lacan und die Suche nach dem anderen


Der Wunsch, gehört zu werden, ist wohl das ureigenste Bedürfnis des Menschen. Es ist die Suche nach dem Anderen, der Leerstelle, die nie geschlossen wird, sich aber durch unsere Suche permanent verschiebt. Für Jacques Lacan ist der Andere der Ort, an dem das sprechende Subjekt sich überhaupt erst bildet — der Raum der Sprache, der Normen und Bedeutungen. Der Andere ist nicht eine konkrete Person, sondern die symbolische Ordnung, die uns vorausgeht und in die wir eintreten, sobald wir zu sprechen anheben. Jede Botschaft setzt letztlich diesen Anderen voraus: einen Ort, an dem Sprache überhaupt Bedeutung erhält und an dem ein möglicher Leser bereits existiert, bevor er konkret wird.

Der ideale Leser: warum Gedichte Singulariäten suchen


Vielleicht ist das der Grund, warum wir ein Leben lang nach Liebe streben, auch wenn sie sich so oft nicht erfüllt. Die Sehnsucht, gehört zu werden, verstanden, ergänzt. Genau hier beginnt Literatur. Denn wozu sollte man sonst Worte erfinden, die in den Köpfen der Leser eine eigene Welt entfalten, von der wir nicht einmal wissen, ob sie mit unserer übereinstimmt? Mit den Worten senden wir auch all die Worte dazwischen – ich nenne sie Dunkelworte, Fantomphrasen –, die sich wie eine dunkle Energie zwischen dem Gesagten ausdehnen. Der wohl größten Bedeutung kommt dabei der Lyrik zu. Worte, Fragmente, Neologismen, manchmal ineinander geschoben, denen oft die Syntax fehlt, auf das Wesentliche konzentriert. Sprachbilder, die auf engstem Raum so verdichtet werden, tragen immer das Risiko in sich, nicht verstanden zu werden, und so richtet sich das Gedicht immer zugleich auch an den idealen Leser, dem, ganz gleich wie viele es werden, eine Singularität zukommt. Lyrik ist die wohl persönlichste Form einer solchen Nachricht an den Unbekannten. Oder, um es mit den Worten Paul Celans zu sagen: 

„Das Gedicht ist eine Flaschenpost, geworfen auf die Hoffnung hin, daß sie irgendwo und irgendwann anlandet.“

Paul Celan: Bremer Rede 1958

Pessoa und seine Heteronyme: Ein selbst erschaffenes Publikum


Celans Flaschenpostmetapher ist sicher die romantischste Form einer message poétique. Immerhin: Seine Gedichte fanden Leser – auch wenn sie nicht immer und oft zu spät verstanden wurden. Fernando Pessoas Gedichte fanden zu Lebzeiten kaum Gehör. Am 18. Juni 1888 in Lissabon geboren, verbrachte er nach seiner Kindheit im südafrikanischen Durban fast sein ganzes Leben in der portugiesischen Hauptstadt. Pessoa hatte kaum Freunde, eine dauerhafte Liebe blieb ihm zeitlebens verwehrt. Sein Haus verließ er täglich, um zu seiner Arbeit zu gehen – einem Bürojob als Handelskorrespondent –, einer Tätigkeit, die wohl auf der entgegengesetzten Skala seiner Poetik liegen dürfte. Abends, nachts schrieb er Gedichte, poetische Texte, literarische Essays, die er nur einem kleinen Freundeskreis anvertraute – wenn überhaupt. Vielleicht war dieses frühe Gewöhnen an ein Doppelleben der Auslöser dafür, dass er schon sehr bald seine Heteronyme erfand: fiktive Autoren mit einer eigenständigen Biografie und einem eigenen literarischen Stil, die sich klar voneinander unterschieden. Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis wurden seine wichtigsten Autoren. Pessoa nannte dieses System „drama em gente“ (Theater des Seins) – ein inneres Ensemble, das miteinander diskutiert, sich widerspricht und beeinflusst. Die Heteronyme übersetzten, kritisierten, schrieben einander Briefe. Sie waren somit mehr als nur eine fiktive Autorschaft – sie waren zugleich ein selbst erschaffenes Publikum. Insofern ließe sich der Flaschenpostgedanke Celans bei Pessoa umkehren: Wenn der Unbekannte nicht kommt, erfinde ich ihn selbst. In Gestalt von Heteronymen.

Future library: eine Botschaft an das Jahr 2114


Anders als Pessoa hat die kanadische Starautorin Margaret Atwood ihre Leserschaft zu Lebzeiten gefunden. Ihr Publikum lässt sich auf viele Millionen schätzen. Insofern könnte man annehmen, dass die Flaschenpost schon lange angekommen ist. Atwoods Suche nach dem Anderen scheint jedoch nicht an dieses Leben gekoppelt zu sein. 2014 übergab sie ihr bisher unveröffentlichtes Manuskript Scribbler Moon dem Projekt „Future Library“ der schottischen Künstlerin Katie Paterson. Erst in hundert Jahren darf das Manuskript geöffnet werden – bis dahin wird es in der Deichmanske bibliotek in Oslo verwahrt. Neben Atwood werden mittlerweile auch u.a. Werke der Autoren David Mitchell, Karl Ove Knausgård, Han Kang und Tsitsi Dangarembga dort konserviert. Das Projekt ist ein Zukunftsexperiment und zielt darauf ab, wie Sprache, aber auch Zukunftsthemen, über die vor hundert Jahren geschrieben wurde, von der Nachwelt verstanden werden, ohne dass es zu Lebzeiten bereits eine Rezeption darüber gab. Atwoods Idee mag daher lauten: Ich werfe meine Flaschenpost in ein Jahrhundert, das ich nicht erleben werde. Treffender scheint mir der Vergleich mit einer Schatzkiste zu sein – tief verbuddelt in der Erde und dazu bestimmt, eines Tages wiederaufzuerstehen.

Leuchtkugeln im Netz: wie Texte ihre Leser finden

Auch die Autorin dieses Essays bedient sich einer Methode, ihre Botschaft an jenen unbekannten Leser abzusenden, bei dem sie Anklang findet. Das Internet ist wohl eine der modernsten Formen der Flaschenpost. Während ich diesen Text schreibe, kommt mir aber ein anderes Bild in den Sinn: Jeder Post ist wie das Absetzen einer Leuchtkugel am Nachthimmel – in der stillen Hoffnung, unter den vielen anderen Feuerwerkskörpern erkannt zu werden.

<img source='pic.gif' alt='Titelbild des Lyrikbandes Nur das Verlorene bleibt. Schwarzer Umschlag mit rotel Logo von hochroth'/>

„Diese Stille zwischen uns, / besessen vom Bereich / unserer Hände. Die Vögel im Baum -   / meine Komplizen.“

Nicola Quaß: Nur das Verlorene bleibt -


Gedichte über Erinnerung, Verlust und Traumwelten - erschienen bei hochroth Heidelberg

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