15.06.2026

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Wie Julian Pölslers Film die Atmosphäre des Romans einfängt und den inneren Monolog ins Bild übersetzt

Von Nicola Quaß



In diesem Film gibt es fast nur eine einzige Stimme. Sie gehört der namenlosen Protagonistin. Die Ich-Erzählerin, großartig gespielt von Martina Gedeck, spricht aus dem Off über die Ereignisse. Es ist Herbst, es ist Winter. Die Protagonistin sitzt mit einer Katze in einer einsamen Berghütte und schreibt auf dem letzten ihr verbleibenden Stück Papier. Sie erinnert sich: wie sie gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar in das Jagdhaus kam. Die Fahrt durch die Schluchten, die Serpentinen hinauf, vorbei am sonnengefleckten Laub. Das Zwitschern der Vögel, vom Fahrtwind verwischt, vermengt mit fröhlicher Radiomusik. Auf der Rückbank sitzt die Protagonistin und saugt die Natur in sich ein. Sie sehnt sich nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Sie ist ganz bei sich selbst.





Im Jagdhaus bezieht sie ein Zimmer. Schnelle Schnitte, Szenenwechsel, bis zu dem Moment, als das Ehepaar sich entscheidet, hinunter ins Tal zu fahren, ins Gasthaus. Man sieht, wie sie zu ihrem Auto gehen. Der Hund Luchs, der sich weigert mitzukommen und schließlich bei der Protagonistin bleibt. Als das Ehepaar nicht zurückkehrt und sich die Protagonistin auf die Suche nach ihm begibt, entdeckt sie das Unfassbare: eine unsichtbare Wand, die sie von der Außenwelt trennt und offenbar sämtliches Leben jenseits von ihr zum Erliegen gebracht hat.





Lange Zeit galt Marlen Haushoffers Roman als unverfilmbar – nicht nur wegen seiner reichhaltigen Metaphorik, sondern vor allem aufgrund des Umstands, dass es so gut wie keine Dialoge gibt. Den einzigen Wortwechsel gibt es zu Beginn des Films; der überwiegende Teil findet als innerer Monolog statt. Was mich an der Verfilmung so fasziniert hat, ist der Umstand, dass sie jede Interpretation vermeidet und sich ganz auf den Text konzentriert, der nahezu wortgetreu wiedergegeben wird. Die Kunst besteht in der kinematografischen Umsetzung der Atmosphäre und der schonungslosen Wiedergabe der Gedanken der Protagonistin. Man erlebt, wie sie versucht, das Unfassbare zu begreifen, und nimmt an ihrem inneren Ringen teil.



„Heute, am fünften November, beginne ich mit meinem Bericht. Ich werde alles so genau aufschreiben, wie es mir möglich ist. Aber ich weiß nicht einmal, ob heute überhaupt der fünfte November ist."







Originalzitate werden nur dort verwendet, wo sich die Stimmung der Protagonistin verändert: das anfängliche Staunen über die unsichtbare Wand, der Versuch, Erklärungen zu finden, die wieder verworfen werden, schließlich die Verzweiflung, als offenbar einziger Mensch in dieser Einöde überlebt zu haben. Die Begegnungen mit den Tieren, ihre Annäherung, der harte Kampf ums Überleben. Gleichzeitig offenbart sich dem Zuschauer eine Landschaft von erhabener Schönheit. Wir erleben den Wechsel der Jahreszeiten, Rehe, die über die Auen ziehen, eine Versammlung von Raben, in deren Mitte sich ein weißer befindet, der von seinen Artgenossen verstoßen wird und nicht weiß, warum. Die Zeit, eine Wiederholung, die sich wie ein Schraubstock in die Protagonistin eingräbt, sie innerlich aushöhlt und am Ende zermürbt.






Wie auch der Roman unternimmt der Film keinen Versuch, die Leerstellen zu füllen. Er hält sich streng an die Vorlage, bleibt lange Strecken ohne Ton und verlässt sich überwiegend auf Kameraführung, Schnitt und Überblendung. Es ist das große Verdienst des Films, Bild und Text nebeneinander koexistieren zu lassen und sie zu einem Gesamtkunstwerk zu ergänzen. So kann man die Verfilmung durchaus als Erweiterung ihrer literarischen Vorlage betrachten, ohne dass sie dem Stoff seine Tiefe und Dringlichkeit nimmt.



Der Film beginnt mit einer Stimme

Die unsichtbare Wand – Handlung und erste Begegnung mit dem Unfassbaren

Ein Roman ohne Dialoge – warum Die Wand lange als unverfilmbar galt

Erhabene Schönheit und existenzielle Einsamkeit – die Bildsprache des Films

Erweiterung statt KopieDie Wand als filmisches Gesamtkunstwerk

Cover des Romans HUNGERGESANG von Nicola Quaß: Eine stilisierte Frauenfigur mit geschlossenen Augen und rot geschminkten Lippen öffnet den Mund, um eine weiße Feder zu empfangen. Weitere Federn treiben vor einem dunkelgrünen, wasserähnlichen Hintergrund. Das Motiv symbolisiert Verlangen, Hingabe und Sprachlosigkeit. Erschienen bei KUL-JA! Publishing.

Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul—ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden. 

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