Ursula K. Le Guins berühmte Kurzgeschichte auf der Tanzbühne – über Glück, Leid und die erzählerische Sprache des Körpers
Von Nicola Quaß
02.10.2026
Während abends die Lichter angehen, sich die Bewohner in ihre Häuser zurückziehen und ihr Innenleben in Gestalt gewaltiger Schatten hinter den Fenstern erscheint, verharrt der Leidende – Figur A – vor verschlossener Tür. In einer Pose des Schmerzes drückt er sich an den Häuserwänden entlang und sucht einen Ort für seine Bedürftigkeit. Er ist ein Stück Körper: zusammengefaltet, verkleinert, als sei er gar nicht da.
Er ist nicht da. Denn wenn es hell wird und die Bewohner aus ihren Häusern treten, bestimmen sie das Leben der Stadt. Ihre Kleidung ist bunt. Sie tragen Hüte. Ihre Körper wirken übermäßig groß, ebenso ihre Schritte und Sprünge: Grand jetés.
Omelas und der Preis des Glücks
Das Ballettstück, das ich im März dieses Jahres besuchte, hieß »Omelas«. Es bildete den Auftakt zu dem dreiteiligen Ballettabend »OrgelPassion«, der im Opernhaus Düsseldorf Premiere feierte. »Omelas«, choreografiert von Stina Quagebeur zur Musik von Jeremy Birchall, wurde an diesem Abend uraufgeführt.
Erst später erfuhr ich, dass das Stück von Ursula K. Le Guins dystopischer Kurzgeschichte »The Ones Who Walk Away from Omelas« aus dem Jahr 1973 inspiriert ist. Omelas ist eine nahezu ideale Stadt, deren Bewohner glücklich und sorgenfrei leben, jedoch unter einer Bedingung: Ein Mensch muss für die Gemeinschaft leiden. Das wirft die Frage auf, ob man in diesem Omelas leben möchte oder es verlassen sollte.
Die getanzte Version unterscheidet sich in einigen Aspekten von ihrer literarischen Vorlage. In Le Guins Kurzgeschichte ist der Leidende ein Kind, das in einem fensterlosen Verschlag eingesperrt, vernachlässigt und erniedrigt wird. Alle Einwohner erfahren früher oder später von ihm. Die meisten wenden sich nach ihrem ersten Entsetzen wieder ihrem glücklichen Leben zu; einige verlassen Omelas.
Der Wohlstand aller beruht auf dem Elend eines Einzelnen. Aufrechterhalten werden kann diese Ordnung nur, solange die Bewohner das Leiden kennen, es aber hinnehmen.
Auch in der Ballettversion wird Figur A übersehen. Die Bewohner tanzen an ihm vorbei. Wenn sie ihn bemerken, schauen sie schnell weg oder schieben ihn beiseite. Einzig ein Mädchen nimmt seine Existenz wahr. In schwungvollen Pas de bourrée nähert es sich ihm, holt ihn für einen kurzen Moment aus seiner geduckten Haltung, bevor er nach einer dramatischen Arabesque arrière wieder in sich zusammenfällt.
Auch ohne die literarische Vorlage zu kennen, war ich von der tänzerischen Darbietung ergriffen. Sie blieb mir noch lange im Gedächtnis, denn anhand der Bewegungen im Raum, der Mimik und der Körperhaltungen begriff man als Zuschauer sofort, worum es ging: um die Gegenüberstellung kollektiven Wohlstands und individuellen Leids, um Ausgrenzung und unterlassene Zuwendung
Was eine Geschichte mindestens braucht
Die Inszenierung brachte mich zu der Frage, was eine Geschichte eigentlich mindestens braucht, um verstanden zu werden: Welche Elemente benötigt sie, damit wir sie als Narrativ wahrnehmen?
Damit führt »Omelas« zu einer Kunstform, die häufig als Nische wahrgenommen wird: dem klassischen Tanz. Dieses Ballett kommt ohne gesprochene Worte aus. Es besteht aus Musik, Rhythmus und Bewegung im Raum, aus einer Ästhetik der Leichtigkeit und Virtuosität bei größtmöglicher Präzision.
Was fehlt, ist nicht die Zeit selbst, sondern eine sprachlich bezeichnete Zeitachse, die ein Vorher und Nachher benennt und das Geschehen ausdrücklich ordnet.
Eine Erzählung braucht keine Worte. Sie braucht jedoch mehr als bloße Atmosphäre oder Gefühl: mindestens eine wahrnehmbare Beziehung, eine Veränderung, eine Spannung zwischen verschiedenen Zuständen. In »Omelas« entsteht diese Spannung bereits durch die Anordnung der Körper im Raum: Die einen befinden sich drinnen, der andere bleibt draußen. Die vielen tanzen, der Einzelne kauert. Das Mädchen nähert sich ihm, die Gemeinschaft verhindert die Berührung.
Die erzählerische Sprache des Körpers
Darin liegt für mich die besondere Kraft des Tanzes und zugleich ein gemeinsamer Kern vieler Erzählformen: Bedeutung nicht nur zu erklären, sondern erfahrbar zu machen.
Der Tanz verfügt über eine eigene Semiotik des Körpers. Er wird zu einer wortlosen Erzählform, die sich Eindeutigkeiten entzieht. Seine Zeichen folgen keiner syntaktischen Ordnung, und dennoch können wir sie lesen. Wir verstehen nicht jedes Detail, aber wir erfassen die Beziehung der Figuren zueinander. Wir spüren, dass etwas geschieht und dass sich durch dieses Geschehen etwas verändert.
Le Guins »Omelas«: dieselbe Geschichte, anders erzählt
Kurze Zeit nach dem Besuch der Ballettinszenierung las ich Ursula K. Le Guins Kurzgeschichte nach. Interessanterweise hatte ich dabei nicht den Eindruck, nun die vollständige Geschichte zu erfahren. Vielmehr wurde sie lediglich anders erzählt.
Dialoge spielen bei Le Guin kaum eine Rolle. Eine reflektierende Erzählerstimme entwirft Omelas vor unseren Augen, bezieht uns in die Erfindung der Stadt ein und zwingt uns schließlich, zu ihrem moralischen Widerspruch Stellung zu nehmen. Auch der literarische Text setzt daher weniger auf Handlung als auf Vorstellungskraft und moralische Atmosphäre.
»They all know that it has to be there.«
Ein Satz, stellvertretend für unser Leben. Wir alle leben in Omelas. Unser Wohlstand koexistiert mit dem Leid anderer, und bisweilen ist er sogar mit ihm verflochten. Oft wissen wir davon und sehen dennoch nicht hin.
Le Guin verweigert jedoch den einfachen Ausweg. Diejenigen, die Omelas verlassen, befreien das Kind nicht. Wohin sie gehen, bleibt unbekannt. Ist ihr Fortgehen Widerstand, Flucht oder der Beginn einer anderen Ordnung? Die Erzählung lässt diese Frage offen.
Und doch geschieht manchmal auch dies:
»But they seem to know where they are going, the ones who walk away from Omelas.«
(Ursula K. Le Guin, »The Ones Who Walk Away from Omelas«)
Hungergesang, Debütroman von Nicola Quaß (erschienen bei kul—ja! publishing, Erfurt). Ein atmosphärisches Kammerspiel über die Drillinge Mara, Lara und Sara und ihr Ringen um Identität und Selbstbehauptung. Ein Roman über den Hunger nach Leben, nach Anerkennung und dem tiefen Bedürfnis, gesehen zu werden.